Rishikesh (Uttarakhand)




Die Anreise nach Rishikesh war unerwartet beschwerlich. Unser Flug von Leh nach Delhi ging zwar bereits am frühen Morgen und dauerte auch nur eine Stunde, jedoch verzögerten sich die anschließenden Zugfahrten. Von Delhi aus ging es zunächst mit dem Zug bis Haridwar und von hier fährt nur ein Mal täglich ein Zug nach Rishikesh, der jedoch aufgrund eines Besuchs des indischen Staatspräsidenten ausfiel. Zudem wurde die einzige Straße von Haridwar nach Rishikesh gesperrt. Also steckten wir erst einmal am Bahnhof von Haridwar fest. Wir vertrieben uns die Zeit in Beisammensein mit ebenfalls gestrandeten indischen Passagieren. 
Dass man aufgrund eines internen Staatsbesuchs die gesamte Infrastruktur lahmlegen muss, konnten wir natürlich vollkommen verstehen und warteten daher gerne ;D
Zum Glück wird es in Gesellschaft der immerzu kontaktfreudigen Inder nie langweilig. Nach etwa zwei Stunden, fanden wir dank der Hilfe der Einheimischen doch noch eine alternative Zug-Bus Kombination, die uns endlich in das nur 25 km entfernte Rishikesh brachte. 

Am Rande des Himalayas in Nordindien gelegen, ist Rishikesh als das Tor zu den Himalayas bekannt. Es liegt am heiligen Fluss Ganges, der hier noch jung und sauber, mit kräftiger Strömung vorbeifließt. Die Hindus glauben, dass eine Meditation in Rishikesh, ebenso wie ein Bad im Ganges, näher zum Seelenheil und schneller zur Erlösung führt.
Die beiden Hängebrücken sind das Wahrzeichen der Stadt – der Laxman Jhula und der Ram Jhula, wo man sich inmitten einer chaotischen Mischung von Geräuschen, Gesängen, Mantren und lautem Hupen befindet, denn die Brücken werden mitnichten nur von Fußgängern benutzt, Mopeds bahnen sich genauso mühsam ihren Weg wie heilige Kühe und natürlich die diebischen Affen.
Überall an jeder Ecke oder Stufe sichtet man Saddhus (heilige Männer oder auch Babas genannt), die aus der Gesellschaft ausgestiegen sind, ein minimalistisch bescheidenes Leben führen und sich der Selbstfindung verschrieben haben. Den Babas werden oft und gerne mal ein paar Rupien von den Pilgern gespendet, da sie selbst keinerlei Einkommen haben. 

Die Stadt besitzt unzählige alte und neue Ashrams, in denen sowohl Inder, als auch Touristen Yoga und Meditation praktizieren und ihre innere Ruhe finden, oder es zumindest versuchen. 
Viele kommen vor allem aus spirituellen Gründen, um der Erleuchtung durch Yoga und Meditation näher zu kommen, oder um Reiki, Tarotlegen, Handlesen, Ayurvedapraxen, Weissagen, Hellsehen, Hindi-Unterricht und vieles mehr auszuprobieren. Beliebt sind aber auch Rafting, Trekking oder einfach Baden im heiligen Ganges – für jeden ist was dabei. 
Wir beschlossen uns selbst in so einem Ashram “einzuweisen”, um unsere eigenen Erfahrungen zu machen. Den ersten Tag in Rishikesh verbrachten wir mit der Suche einer für uns geeigneten Anstalt bzw. eines Ashrams :) 


 


Viele der Ashrams waren aufgrund des bald anstehenden indischen Neujahrsfest bereits ausgebucht. Erst am späten Nachmittag wurden wir schließlich fündig und checkten im Ved Niketan Ashram ein, das genau zwischen dem großen Parmarth Niketan Ashram und dem bekannten, aber seit Jahrzehnten verlassenen Beatles Ashram liegt. Das Ved Niketan ist kein strenges Ashram, es bleibt einem selbst überlassen wie diszipliniert man das angebotene Meditations- und Yogaprogramm absolviert. Auf dem Programm standen Morgenmeditation sowie zwei Yogakurse (Hatha Yoga) täglich, sowie optional Philosophie und ein Yoga-Teaching Kurs. Am Anfang war es natürlich hart um 5:30 Uhr aufzustehen und zu meditieren. Das anschließende Morgenyoga war auch sehr fordernd, da der Ablauf der “Assanas” sehr schnell und praktisch fließend übergehend erfolgte. Obwohl noch im Halbschlaf befindend, heizte uns unser Yogi ordentlich ein. Die Nachmittags-Yogastunde war da schon entspannter, hier wurde deutlich mehr Wert auf bewusstes Fühlen des eigenen Körpers und der Atmung gelegt. 

Um uns nach dem Yoga wieder zu stärken, haben wir uns quer durch das breite Angebot an Restaurants in der ganzen Stadt gegessen.   
Der Ort wirkt an sich nicht annähernd so ruhig, wie man vielleicht annehmen mag, da es fast überall eher chaotisch und sehr laut zugeht. Die echte Spiritualität fällt dabei größtenteils der Ausrichtung auf den Tourismus zum Opfer, wird jedoch entsprechend als solche vermarktet. Nichtsdestotrotz strahlt Rishikesh noch immer etwas Magisches aus, das wir gar nicht richtig beschreiben können. Man hat irgendwie das Gefühl als liege hier ein Geheimnis verborgen. 
Gegen halb acht krachen überall langsam die Metalljalousien der Geschäfte herunter, die Musik vor den Tempeln verstummt, die Lichter erlöschen, die heiligen Kühe legen sich zur Ruhe, Dunkelheit umhüllt den Ganges. Auch die Cafés und Restaurants schließen spätestens um zehn und wir müssen wieder zurück ins Ashram, bevor die Pforten schließen.

Im Ashram lernten wir mit Juli und Andi aus Deutschland sowie Giles und Kerry aus Australien, neue Freunde kennen, welche uns gleich auf einen Chai im Ganga Shiv Café einluden. Hier trafen wir Rajinder (mit Spitznamen Raju), den Besitzer des “Cafés”. Nun ja, ein Café konnte man den kleinen Schuppen nicht wirklich nennen, einladend sah es auch nicht aus, aber das schreckte uns nach 2 Monaten Indien auch nicht mehr ab. Die Pancakes, die Raju gerade mit Liebe zubereitete, haben uns gleich angelacht, also bestellten wir ohne zu zögern sofort auch eine Runde für uns. Unsere Freunde aus dem Ashram schwärmten von Rajus Küche und meinten wir sollten unbedingt auch das Dinner probieren. Nach unseren Pancakes, die unglaublich lecker waren und später beim Frühstück niemals fehlen durften, ließen wir uns auch das Dinner nicht entgehen. Raju's Café liegt genau neben dem Ashram, direkt am Ganges und war somit für uns alle immer die erste Anlaufstelle für Frühstück, Snacks und Abendessen. Er zauberte in seiner Miniküche, welche nur aus zwei Herdplatten und einem kleinen Schneidebrett zum Schnippeln besteht, hausgemachte Kost zu unverschämt günstigen Preisen und das alles mit so viel Liebe und Ruhe, es war herrlich ihm dabei zuzusehen. Wir saßen alle wie Kinder aufgereiht auf der Bank davor und warteten brav und ganz gespannt auf unseren liebevoll zubereiteten Teller. Sobald Raju sah, dass jemand von uns mit seiner Mahlzeit fast fertig war, kam er sofort mit einem Nachschlag um die Ecke, das war wie Daheim bei Mama. Menschen zu bekochen ist seine große Leidenschaft, aber nicht nur das machte ihn so sympathisch, es war seine jeden Tag positive und herzliche Art, die ihn so liebenswert machte. Raju kümmerte sich wirklich um alles, er besorgte uns Motorräder, ließ unser Handy reparieren und das alles zu lokalen Preisen. Kein Wunsch blieb unerfüllt. Wir haben Raju schnell ins Herz geschlossen und wollten ihm unsrerseits etwas zurückgeben, ihm irgendwie helfen. Zusammen mit Giles und Kerry, hatten wir die Idee, den Laden zu renovieren und auf Vordermann zu bringen. Im Ashram haben sich dann noch genügend freiwillige Helfer gefunden, die gerne mit anpacken wollten. 
Sonntags war immer unser freier Tag, sprich keine Meditation und kein Yoga. Somit legten wir diesen Tag als Renovierungsdatum fest. 
Da sich die Arbeitsphilosophie der meisten Inder sehr von der unseren unterscheidet, haben wir schnell gemerkt, das wir mit unseren typisch westlich strukturierten Plänen nur mühsam weiterkommen. Die besprochenen Materialen waren am Vorabend immer noch nicht besorgt, also blieb Alex nichts anderes übrig, als Raju auf sein Bike zu zwingen und mit ihm zum Markt zu fahren und alles Notwendige zu besorgen. Es dauerte ein paar Stunden, denn das Besorgen der gewünschten Farben gestaltete sich schwieriger, als angenommen. Doch am Ende kamen die Beiden nicht mit leeren Händen zurück. Sogar eine Tafel zum Ausschreiben von speziellen Tagesgerichten war dabei. So konnten wir am nächsten Morgen endlich starten.
Wir traffen uns um 7 Uhr morgens vor dem Café um loszulegen, doch Raju meinte “Shanti, Shanti” ( was so viel heißt wie, Friede - also langsam, langsam ) und bereitete erstmal für die Babas und andere Vorbeilaufende frischen Chai vor. Wir standen eine Stunde davor, wurden so langsam ungeduldig und mussten wieder entschlossen eingreifen und ihn fast schon aus der Küche drängen, sonst wäre es ewig so weiter gegangen. Er schloss den Laden und wir begannen alles auszuräumen, das Projekt hatte begonnen. Mit so vielen Helfern ging alles ziemlich flott, jeder hatte seine Aufgabe und wir konnten uns alle gegenseitig unterstützen. Im Nu war der Laden schon zur Hälfte gestrichen, während immer wieder neugierige schaulustige Inder vorbeikamen und uns zusahen. Niemand der Zuschauer verstand was hier vorging und weshalb. Wir erregten viel Aufsehen um den Laden. Die Mädels putzten was das Zeug hielt, aber auch die Jungs zögerten nicht sich die Hände dreckig zu machen, denn dass hatte Raju die letzten Jahre wohl etwas versäumt. Am Abend war der Laden fast fertig, es musste alles nur noch in die Regal eingeräumt werden und der Neueröffnung stand nichts mehr im Wege. Um das Projekt abzurunden, haben wir noch das gänzlich fehlende Menü in Absprache mit Raju erstellt und dieses als Handout laminiert. Ihr hättet sehen müssen wie glücklich und dankbar er war, dieses Strahlen hat uns so viel zurück gegeben, es war jede Mühe und Anstrengung wert. 
Danach zog das neue Ganga Shiv Café deutlich mehr Leute an, der Laden war jetzt ansprechender und die Renovierung hatte sich auch schnell rumgesprochen. Raju hatte alle Hände voll zu tun und auf seiner Bank wurde es auch langsam eng. 
Nach ein paar Tagen nahm Raju seinen ganzen Mut zusammen und fragte uns ob wir ihm nicht auch beim Ausbau des unfertigen Innenbereiches helfen könnten. Wir schauten uns alle gegenseitig an, Giles, Kerry und wir Beide und konnten natürlich nicht Nein sagen. Dieses Projekt gestaltete sich komplizierter, da die gesamte Deckenkonstruktion abgebaut, angehoben und eigentlich neu errichtet werden musste. Es nahm fast die ganze Woche in Anspruch, doch mit der Hilfe und Erfahrung eines netten Babas, stemmten wir auch das. 
   
       
       


Wir verbrachten insgesamt 5 Wochen in Rishikesh und es fühlte sich schon fast wie zu Hause an. Wir kannten jeden Strassenverkäufer, Yogalehrer und Baba in unserer Umgebung. Durch den täglichen Kontakt zu so vielen Menschen, war es uns möglich ihre Kultur besser zu verstehen. Die überall herrschende Offenheit und Hilfsbereitschaft trug dazu bei, dass wir uns nicht mehr als Fremde fühlten. 
Neben unserer Voluntärarbeit bei Raju, haben wir natürlich auch andere Seiten Rishikesh’s entdeckt, wir haben z.B. mehrere Motorradausflüge in der Umgebung gemacht, ein Bad im Ganges genommen, an Ayurveda- und anderen Weisheitsvorlesungen teilgenommen und verschiedene Yogastile in anderen Ashrams ausprobiert. Dabei haben wir viele neue Freundschaften geschlossen und auch unser guter Freund Danilo, den wir in Ladakh bereits kennengelernt haben, ist in Rishikesh wieder zu uns gestoßen. 

   
   
       


Zu guter Letzt haben wir das berühmte Beatles Ashram besucht, welches in den sechziger Jahren Berühmtheit erlangte als die Beatles den Maharishi dort besuchten. Im Anschluss an diesen Besuch entstand übrigens ihr berühmtes White Album. Man kann also davon ausgehen, dass der Aufenthalt in Rishikesh, wahrscheinlich auch unter Einfluss der einen oder anderen Droge, eine maßgebliche Inspiration bei der Entstehung des White Albums waren :)

   
    
       


Wir hatten eine unvergessliche und lehrreiche Zeit in Rishikesh. Nach so vielen Wochen im und um das Ashram herum, fiel es uns sehr schwer diesen Ort mit seinen besonderen Menschen zu verlassen, doch leider lief unser Visum langsam aus und es wurde höchste Zeit nach insgesamt 3 Monaten Indien, nach Nepal, unserer nächsten Station, weiterzuziehen.

Wir hatten für Indien eigentlich nur etwa ein- bis eineinhalb Monate geplant, daraus wurden am Ende jedoch eben jene drei Monate. Die Freundlichkeit und Gelassenheit der Inder, sowie die vegetarische bzw. meistens sogar vegane Küche, machten es uns leicht sich für eine Weile niederzulassen. Alle Vorurteile und Geschichten, die wir von Zuhause mitgebracht hatten, wurden vom ersten Tag an weggespühlt. Indien hat uns unendlich viel von sich geschenkt, wir würden sogar sagen, dass es unseren Horizont erweitert hat wie noch kein Land bislang.